Presseinformation Nr. 182 vom 26. November 2008
Brücken schlagend – wie steht es um das bürgerschaftliche Engagement in der Schweiz?
Die Schweizerische Gemeinnützige Gesellschaft (SGG) unterstützt das erste Forschungszentrum im Rahmen der Exzellenzinitiative. Der Konstanzer Politikwissenschaftler Prof. Markus Freitag als Initiator wird dabei mit Bevölkerungsbefragungen dem ehrenamtlichen Engagement in der Schweiz auf den Grund gehen. Befragt werden sollen in den nächsten 2 Jahren insgesamt 15‘000 Personen.
Viele Menschen sind bürgerschaftlich aktiv. In ihrer Freizeit stehen sie ein und auf für soziale Initiativen, Projekte im Umweltschutz für ihre Vereine vor Ort, für den Tierschutz oder die Nachbarschaftsinitiative. Teilweise investieren sie einen großen Teil ihrer Freizeit im Rahmen ihres ehrenamtlichen Engagements, bilden sich speziell für diese Zwecke aus. Wer nicht aktiv mitmacht, der entscheidet sich vielleicht für eine Spende. Gerade in der Vorweihnachtszeit laufen sie wieder an, die großen Spendenaktionen, die Unterstützer brauchen.
Wer sind die Menschen, die gemäß dem alten Grundsatz „einer für alle“ ihren Beitrag für die Gemeinschaft leisten wollen? Welche Motive verleiten sie zur unbezahlten Arbeit? Sind es ältere Menschen oder Jugendliche? Ist es eher die ländliche Bevölkerung oder sind auch die Menschen in großen Ballungsräumen, die sich stark machen für das Ehrenamt? Und wie stark ist das Ehrenamt überhaupt noch in unserer Gesellschaft?
Diese Fragen sind gut aufgehoben bei dem Politikwissenschaftler Prof. Markus Freitag, der seit 2005 an der Universität Konstanz einen Lehrstuhl inne hat. Er ist Experte wenn es um das große Thema „Bürgerschaftliches Engagement“ bzw. „Sozialkapital“ geht. Mit finanzieller Unterstützung der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft, SGG, die im Jahr 2010 ihr 200jähriges Bestehen feiert, will Freitag analysieren, wie das bürgerschaftliche Engagement in der Schweiz strukturiert ist. Geplant sind mehrere große Bevölkerungsbefragungen in der Schweiz - nicht die ersten für den Wissenschaftler Freitag, der bereits in den vergangenen Jahren mit der SGG in Projekten zusammengearbeitet hat.
Besiegelt wird das als Forschungsinitiative durch die Fördermittel der Universität angestoßene neue Zentrum zwischen dem Rektor der Universität Konstanz, Prof. Dr. Gerhart v. Graevenitz und SGG-Geschäftsleiter, Dr. Herbert Ammann. „Ich freue mich sehr darüber, dass diese Kooperation zwischen Deutschland und der Schweiz möglich ist und danke der SGG, dass sie ein wissenschaftliches Projekt, das im Rahmen der Exzellenzinitiative entwickelt wurde, fördern wird. Wir schaffen damit eine weitere Anknüpfung an unseren direkten Nachbarn Schweiz, die wir sehr begrüßen“, sagte Graevenitz zur neuen Kooperation.
Die SGG ist als private Organisation in vielfältiger Form im Bereich des bürgerschaftlichen Engagements tätig. Sie gründete zahlreiche gemeinnützige Organisationen, besetzt in der breiten Öffentlichkeit Themen wie Bildung und Weiterbildung oder gesunde Ernährung, betreut Stiftungen im gemeinnützigen Bereich, unterstützt Ehrenamtliche mit praktischen Tipps in ihren Projekten. Die SGG unterstützt auch Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler und ihre Forschungsprojekte rund um das bürgerschaftliche Engagement. Ein Herzstück ist der durch Freitag und seine Mitarbeiter betreute Freiwilligen-Monitor - ein wissenschaftliches Pionierprojekt, das von der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft aufgrund ihrer Erfahrungen der letzten Jahre im Umfeld des Themas Freiwilligenarbeit lanciert worden ist. Die SGG schafft damit ein auf Umfragen basiertes Beobachtungsinstrument für die nächsten zehn Jahre, das zur Erweiterung des Wissens über den Bereich der Freiwilligkeit in der Schweiz führen soll.
Fragt man Markus Freitag nach den großen Trends im Bereich des bürgerschaftlichen Engagements, so sagt er: „Die Menschen in unserer Gesellschaft haben nach wie vor ein starkes Interesse am bürgerschaftlich Engagement. Es stimmt einfach nicht, dass das Ehrenamt in unserer Gesellschaft eine Art Auslaufmodell ist. Vor Ort wollen Menschen in ihrem Wohnviertel, in der direkten Nachbarschaft etwas erreichen.“ Sicher, so Freitag, gebe es neue Entwicklungen, etwa dass viele Menschen, insbesondere Jugendliche sich eher außerhalb von Vereinen engagieren und eine projektbezogene, fallbezogene zeitliche begrenzte Mitarbeit bevorzugen würden. Wichtige Motoren für das bürgerschaftliche Engagement seien der Spaß an der Tätigkeit, „etwas bewegen“ zu können, und anderen zu helfen. Viele erhoffen sich durch die Aufgaben auch weiterbilden zu können. Geld, so der Wissenschaftler, sei kein Antrieb für Ehrenamtliche: „Geld ist kein Lockmittel für das ehrenamtliche Engagement, es geht häufig wirklich um intrinsische Motive.“ Häufig seien die Geldspende und das praktische Engagement allerdings miteinander verknüpft. Menschen die ehrenamtlich tätig sind, zeigten auch eine deutliche Tendenz, sich finanziell an Spendenaktionen zu beteiligten. Auf die Frage, ob man bürgerschaftliches Engagement lernen müsse, sagt Freitag „Ja, natürlich, die Kinder lernen von den Eltern, sich im Verein oder in ehrenamtlichen Projekten zu engagieren. Sie greifen diese Anregungen auf. Der Weg, sich zu engagieren, ist dann aber durchaus ein individueller. Die Kinder treten in die Fußstapfen der Eltern, wollen aber auch ihre eigenen Spuren hinterlassen.“ Mehr und mehr, so Freitag, würde es auch in Unternehmen zum guten Ton gehören, sich bürgerschaftlich zu engagieren. Auch in Bewerbungsgesprächen würden die Firmen- und Personalchefs mehr und mehr auf solche weichen Faktoren achten.
Biographische Angaben:
Markus Freitag studierte zwischen 1990 und 1995 Politikwissenschaft, Volkswirtschaftslehre und Germanistik an der Universität Heidelberg und erwarb dort den Abschluss eines Magister Artium. Seit 1995 war er als Assistent am Institut für Politikwissenschaft in Bern beschäftigt. Das Doktorandenstudium schloss er im Sommer 1999 mit der Promotion an der Universität Bern ab. Nach Lehraufträgen in Basel, Bern, Konstanz und Zürich war er von 2004–2005 Juniorprofessor an der Humboldt-Universität zu Berlin. Seit Oktober 2005 ist er Inhaber der Professur für vergleichende Politik an der Universität Konstanz.


