Presseinformation Nr. 172 vom 18. November 2008
Erstes Physik-Schülerinnenlabor an Universität Konstanz gestartet
Alle sprechen vom drohenden Mangel an Ingenieurinnen und Ingenieuren sowie an Fachkräften, die im Bereich der Naturwissenschaften tätig sind – ein Mangel, der die Leistungsfähigkeit der deutschen Wirtschaft entscheidend bedroht. Schaut man in eine Anfängervorlesung in diesen Fächern, sitzen dort 80 bis 90% junge Männer. Warum nicht mehr junge Frauen ein naturwissenschaftlich-technisches Studium aufnehmen, wird seit Jahrzehnten erforscht. An der Tatsache selber hat dies bisher nur wenig geändert.
Die Initiative „Schülerinnen forschen“, die vom Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst in Kooperation mit der Regionaldirektion Baden-Württemberg der Bundesagentur für Arbeit ins Leben gerufen wurde, will Schülerinnen für Naturwissenschaft und Technik begeistern. Rund 1,4 Mio. Euro werden für die neue Initiative zur Verfügung gestellt. Das umfassende Programm beinhaltet eine ganze Reihe verschiedener Angebote, die Schülerinnen an Wissensgebiete in den Naturwissenschaften heranführen sollen. Ein Teilprojekt der landesweiten Initiative ist das Konstanzer Physik Labor - kurz “KonPhys Lab” der Universität Konstanz, das nun seinen Betrieb aufgenommen hat.
32 Schülerinnen der Klassen 8 bis 10 führen an 8 Nachmittagen über einen Zeitraum von insgesamt 3 Monaten spannende Experimente durch, werden von der Zentralen Studienberatung individuell beraten und dürfen schließlich die Ergebnisse ihrer Forschung in Abschlussveranstaltungen an der Universität und an ihrer Schule präsentieren. Dafür gibt es auch ein eigenes Zertifikat.
Die Teilnehmerinnen kommen aus allen Konstanzer Gymnasien, Radolfzell und Pfullendorf. Aufgrund des großen Andranges wurden mehr Schülerinnen als geplant aufgenommen, einigen musste leider eine Absage erteilt werden. Diese werden auf die nächsten Kurse vertröstet, die im März 2009 beginnen. Die Anmeldung erfolgt über die Internetseite www.schuelerinnen-forschen.de.
„Wir sind ganz begeistert, wie die Schülerinnen das Angebot annehmen“, sagt Katja Schuler, die das Projekt organisiert und in den letzten Wochen an vielen Schulen Werbung gemacht hat. „Wir möchten gerade auch Mädchen ansprechen, die nicht die Klassenbesten in Mathematik, Physik oder NWT sind. Im KonPhys-Lab kann jede Schülerin ausprobieren, ob ihr Experimentieren Spaß macht. Es ist ein schulfreier Raum, es gibt keine Noten und eine individuelle Betreuung durch Physik-Studentinnen. Dies schafft eine eigene Atmosphäre, die an dem ersten Labornachmittag zu spüren war. Nebenbei gibt es auch keine Jungen, die sich vielleicht besser auskennen, bzw. meinen sich besser auszukennen, und den Mädchen den Lötkolben oder das Wickeln einer Spule für einen Elektromotor direkt aus der Hand nehmen.“
Neben dem Experimentieren steht die individuelle Beratung auf dem Programm. Hier haben Ulrike Leitner, Gudrun Damm und die Leiterin der Studienberatung, Frau Heike Schwartz, ein eigenes Programm entworfen, in dem das Selbstbewusstsein der Mädchen im Bereich der Naturwissenschaften gestärkt wird. Der Kontakt zu einer Mentorin soll später bei der Berufs- und Studienwahl helfen. „Es ist gut, wenn die Schülerinnen neben Eltern und Lehrern eine Ansprechpartnerin haben, die einmal selber ihre Wahl auf ein naturwissenschaftliches Studium gelegt hat. Dieser Kontakt soll über die Dauer der Teilnahme am KonPhys Lab erhalten bleiben.“ sagt Gudrun Damm, die diesen Teil des Projektes betreut.
Ergänzt wird das Laborangebot durch Campwochen, das KonPhys Camp. Diese finden in den Pfingst- und Sommerferien statt, auf dem Wassersportgelände der Hochschule wird übernachtet. Neben erlebnispädagogischen Aktivitäten kann weiter in den Laboren geforscht werden. Es stehen Exkursionen auf dem Programm, bei denen die Schülerinnen sehen können, in welchen Bereichen Frauen in einem naturwissenschaftlich-technischen Beruf arbeiten. An den Campwochen - die bis auf die Verpflegung kostenlos sind - können Mädchen teilnehmen, die bereits das Labor besucht habe - es können aber auch nur die KonPhys-Camp Wochen separat gebucht werden.
Das Projekt wird bis Ende 2010 vom Ministerium für Wissenschaft und Kunst Baden Württemberg und die Bundesagentur für Arbeit finanziert. „Die finanzielle Förderung des Projektes ermöglich ein Labor, Camp- und Beratungsangebot auf die Beine zu stellen, das es in dieser Qualität bisher nicht gibt“, sagt Projektleiter Prof. Thomas Dekorsy vom Fachbereich Physik, der das Projekt gemeinsam mit der Studienberatung (Frau Heike Schwartz) und Prof. Thomas Götz, dem Inhaber des Lehrstuhls für Erziehungswissenschaft und Empirische Bildungsforschung initiiert hat. „Wir hoffen, dass die wissenschaftlichen Begleitstudien zeigen, dass wir hier einen guten Weg bestreiten. Unsere Anfängerinnenzahlen im Studiengang Physik sind zwar im bundesweiten Vergleich mit über 20% sehr gut, aber noch steigerungsfähig.“ Besonders am Herzen liegt Dekorsy die Weiterführung des Projektes über das Jahr 2010 hinaus. „Hier möchten wir Sponsoren ansprechen. Die Firmen, die heute über den drohenden Fachkräftemangel sprechen, könnten durch ihre Unterstützung des Projektes in die Zukunft investieren. Besser angelegtes Geld kann es nicht geben.“ Bereits heute würden Sponsoren mit offenen Armen empfangen, z.B. um Fahrtkosten vom Gymnasium zur Universität für diejenigen Schülerinnen zu übernehmen, die keine gute Verkehrsanbindung an Konstanz haben. Würde nicht ein Lehrer aus Pfullendorf die Schülerinnen zu den acht Terminen bringen, wäre ihre Teilnahme nicht möglich.
Bis zum Abschluss der ersten Kurse haben die Schülerinnen noch einiges zu tun. Einige Schülerinnen haben damit begonnen, ihre Lieblingsmusik vom MP3 Spieler mit einem Laserpointer quer durch den Raum zu übertragen. Alles wird aus kostengünstigen Komponenten gebastelt, die für ein paar Euro gekauft werden können. Bis dieser Versuch läuft, herrscht in den Laboren noch eine konzentrierte Arbeitsatmosphäre beim Arbeiten mit Lötkolben und Spannungsmessgeräten.


