Presseinformation Nr. 154 vom 29. Oktober 2008
Der verwaltete Raub
Konstanzer Wissenschaftler wird in Paris für seine Studie zur wirtschaftlichen Verfolgung der Juden in Frankreich unter deutscher Besatzung 1940-1944 mit Preis ausgezeichnet
Die Dissertation des Konstanzer Politikwissenschaftlers und Historikers Dr. Martin Jungius über die „Arisierung“ der französischen Wirtschaft während des Zweiten Weltkriegs wird an diesem Donnerstag in Paris mit dem „Prix Guillaume Fichet-Octave Simon“ ausgezeichnet. Der mit 5.000 Euro dotierte Preis würdigt herausragende Forschungsarbeiten und Publikationen zur deutsch-französischen Geschichte in den Jahren 1933 bis 1963. Der Preis wird Jungius in einer Feierstunde verliehen, die in der deutschen Botschaft anlässlich des 50-jährigen Bestehens des Deutschen Historischen Instituts Paris stattfindet.
Die Doktorarbeit von Martin Jungius entstand unter der Anleitung von Prof. Wolfgang Seibel in einem von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten Forschungsprojekt. Sie ist unter dem Titel „Der verwaltete Raub. Die ‚Arisierung’ der Wirtschaft in Frankreich in den Jahren 1940 bis 1944“ in der Schriftenreihe des Deutschen Historischen Instituts Paris (Verlag Thorbecke 2008) erschienen. Eine französische Übersetzung ist in Vorbereitung.
Martin Jungius, der heute im Auswärtigen Amt tätig ist, hat mehrere Jahre lang in deutschen und französischen Archiven die Geschichte der Judenverfolgung auf wirtschaftlichem Gebiet in Frankreich unter deutscher Besatzung während des Zweiten Weltkriegs aufgearbeitet. Umfangreiche und jahrzehntelang gesperrte Archivbestände in Frankreich wurden durch ihn erstmals ausgewertet. In seiner Untersuchung rekonstruiert er die systematische, verwaltungsmäßig organisierte Ausraubung der jüdischen Bevölkerung, die der Deportation und der Ermordung in den Gaskammern vorausging. Er schildert die rastlose Verfolgung der Juden durch die Deutschen ebenso wie französische Kollaboration.
Schlüsselfigur der Verfolgung in der deutschen Besatzungsverwaltung war der promovierte Jurist Kurt Blanke, der sich nach 1945 nie vor einem Gericht zu verantworten hatte. Er brachte es, im Gegenteil, bis zum Oberbürgermeister im niedersächsischen Celle. Dort hat das Buch von Martin Jungius und ein begleitender Aufsatz in den Vierteljahresheften für Zeitgeschichte (gemeinsam mit Wolfgang Seibel) Aufsehen erregt und Betroffenheit ausgelöst. Die Stadt Celle nahm dies nicht nur zum Anlass, eine nach dem ehemaligen Oberbürgermeister benannte Straße umzutaufen, sondern darüber hinaus alle nach dem Zweiten Weltkrieg im Stadtbild erfolgten öffentlichen Würdigungen zu überprüfen.


